Testosteron-Blutwerte verstehen
Ein Laborzettel ist kein Urteil. Gesamt-Testosteron, SHBG, freies Testosteron, LH, FSH, Prolaktin, Estradiol und Hämatokrit ergeben erst zusammen mit Symptomen und Messbedingungen ein sinnvolles Muster.
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Gesamt-Testosteron: Startwert, nicht Endpunkt
Gesamt-Testosteron ist der wichtigste erste Laborwert. Die EAU 2026 empfiehlt die Messung morgens zwischen 7 und 10 Uhr, nüchtern und mit zuverlässigem Assay. Ein Wert unter 12 nmol/L soll an mindestens einem weiteren Tag bestätigt werden, bevor daraus eine Therapieentscheidung entsteht.
Der Grund ist banal und wichtig: Testosteron schwankt. Schlaf, akute Erkrankung, Kaloriendefizit, Tageszeit und Messmethode können den Wert verändern. Ein einzelner „schlechter“ Wert ist deshalb noch keine lebenslange Diagnose.
SHBG und freies Testosteron: Warum 500 nicht immer 500 ist
SHBG bindet einen Teil des zirkulierenden Testosterons. Ist SHBG hoch, kann ein ordentliches Gesamt-Testosteron mit einem vergleichsweise niedrigeren freien Anteil zusammenfallen. Ist SHBG niedrig – etwa bei Adipositas oder Insulinresistenz – kann Gesamt-Testosteron niedriger wirken, obwohl die freie Fraktion weniger auffällig ist.
Die EAU rät von direkten Analog-Immunoassays für freies Testosteron ab. Als Referenz gilt die Gleichgewichtsdialyse; im Alltag wird freies T häufig aus Gesamt-T, SHBG und Albumin berechnet. Eine berechnete Zahl ist nützlich – aber kein Naturgesetz.
LH und FSH: Sie beantworten eher „warum?“
Niedriges Testosteron plus hohes LH passt eher zu einem primären Problem auf Ebene des Hodens. Niedriges Testosteron plus niedriges oder unangemessen normales LH passt eher zu einer sekundären/zentralen oder funktionellen Dämpfung. FSH ergänzt vor allem die reproduktive Achse und wird bei Kinderwunsch besonders wichtig.
Prolaktin: klein im Laborzettel, manchmal groß in der Geschichte
Erhöhtes Prolaktin kann Libido und Gonadenachse beeinflussen. Bei niedrigem sexuellen Verlangen und sekundärem Muster empfiehlt die EAU, Prolaktin zu bestimmen. Deutlich erhöhte Werte zusammen mit Kopfschmerzen, Sehstörungen oder weiteren Hypophysenhinweisen gehören gezielt abgeklärt.
Estradiol: nicht der hormonelle Gegner
Estradiol ist auch beim Mann physiologisch relevant – unter anderem für Knochen, Körperzusammensetzung und Sexualfunktion. Ein hoher oder niedriger Wert ist deshalb nicht automatisch ein Auftrag, ihn pharmakologisch „zu korrigieren“. Symptome, Assay, Testosteronexposition und Gesamtkontext zählen.
Hämatokrit: vor und unter TRT besonders wichtig
Testosteron stimuliert die Bildung roter Blutkörperchen. Deshalb gehört Hämatokrit zum Monitoring. Die EAU empfiehlt Kontrollen zu Beginn, nach 3, 6 und 12 Monaten und danach jährlich; ein Hämatokrit über 54 % unter TRT erfordert ärztliche Anpassung bzw. Unterbrechung der Therapie und weitere Beurteilung.